Deutschland 2016, 102 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Jakob Schmidt
Drehbuch: Jakob Schmidt
Kamera: David Schittek, Evgeny Revvo, Jakob Schmidt
Schnitt: Julia Wiedwald
Musik: Andreas Bick
Preise: - DOKUMENTARFILMPREIS DES GOETHE-INSTITUTS für den besten langen deutschen Dokumentarfilm beim 59. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm - VER.DI-PREIS für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness beim 59. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm - DEFA-FÖRDERPREIS für einen herausragenden langen deutschen Dokumentarfilm beim 59. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, gestiftet von der DEFA-Stiftung - HEALTHY WORKPLACES FILM AWARD für den besten Film zum Thema Arbeit beim 59. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, gestiftet von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) - FÖRDERPREIS DES BERLINALE EMPFANGS DER FILMHOCHSCHULEN 2013 im Bereich Non-Fiction
Kinostart: 18.05.2017

Website

Facebook

  • Bilder
  • Trailer

Zwischen den Stühlen

Um in Deutschland Lehrer zu werden, muss nach dem theoriebeladenen Studium ordnungsgemäß das Referendariat absolviert werden. Eine Feuerprobe, welche die angehenden Lehrer in eine widersprüchliche Position bringt: Sie lehren, während sie selbst noch lernen. Sie vergeben Noten, während sie ihrerseits benotet werden. Zwischen Problemschülern, Elternabenden, Intrigen im Lehrerzimmer und Prüfungsängsten werden die Ideale der Anwärter auf eine harte Probe gestellt. ZWISCHEN DEN STÜHLEN begleitet drei von ihnen auf ihrem steinigen Weg zum Examen. Der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm gibt einen einfühlsamen wie humorvollen Blick hinter die Kulissen des Systems Schule und wirft dabei nicht zuletzt die Frage auf, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen.

Mehr

ZWISCHEN DEN STÜHLEN wurde von der FBW mit dem Prädikat besonders wertvoll ausgezeichnet:

Jury-Begründung:

Sie lehren schon und lernen noch, unterrichten als Referendare Schulkassen und müssen nach einem Jahr selber ihr Examen bestehen. Der Film ZWISCHEN DEN STÜHLEN begleitet drei angehende Lehrer auf diesem schwierigen und widersprüchlichen Weg. Dabei kommt Jakob Schmidt ihnen, aber auch ihren Schülern, Familienangehörigen und einigen erfahrenen Lehrern an ihren Schulen erstaunlich nah und bietet so einen authentischen und nuancierten Blick darauf, wie an deutschen Schulen heute gelehrt wird und wie belastend der Beruf des Lehrers in diesen Zeiten ist. Schmidt hat seine Protagonisten gut gewählt, denn sie arbeiten nicht nur in verschiedenen Schulsparten, sondern reagieren auch, ihren Temperamenten entsprechend, sehr unterschiedlich auf den Stress, dem sie bei der Arbeit ausgesetzt sind. Die eine ist unsicher und oft verzagt, die andere ist selbst Tochter einer Lehrerin, wodurch ihre zwiespältige Situation zuhause noch einmal gespiegelt wird. Dies wird in einer zugleich komischen und berührenden Szene deutlich, in der die Mutter abends zuhause die Texte der Tochter korrigiert. Der männliche Protagonist unterrichtet an einem Gymnasium und scheint unter den dreien der Musterlehrer zu sein, bis sich herausstellt (und Schmidt hält diese Information dramaturgisch geschickt lange zurück), dass er selber ein Schulversager war, was seine Disziplin und Strenge noch außergewöhnlicher wirken lässt. Im Laufe des Jahres stoßen alle drei an ihre Grenzen, müssen Krisen bewältigen, und sowohl als Lehrer wie auch als Prüflinge Niederlagen einstecken. Auf dieser Ebene funktioniert der Film als ein Drama, in dem man mit den bedrängten Helden bangt und ihnen wünscht, dass sie alle Hindernisse überwinden. Schmidt erzählt das sehr filmisch, mit Aufnahmen, bei denen der Kameramann ein gutes Auge für Details hat und die mehr erzählen können als ein Text im Off, auf den Schmidt ganz verzichtet. Der Film nimmt sich zudem Zeit für längere Sequenzen, die nötig sind, um deutlich zu machen, welchem Druck die Protagonisten standhalten müssen. Auf einer anderen Ebene wird hier auch von den Fehlentwicklungen des deutschen Schulsystems erzählt. Ein Lehrer bringt dies auf den Punkt, wenn er sagt, dass heute in den Schulen nur die Mittelmäßigen gefördert werden. Ein brillanter Jugendlicher wird da genauso wenig gefördert wie ein Schüler mit Lernproblemen. Diese Problematik wird auch dadurch gespiegelt, dass der Gymnasialreferendar in seinen Deutschstunden den Roman „Unterm Rad“ von Herman Hesse durchnimmt, in dem davon erzählt wird, wie in einer deutschen Schule die jungen Menschen „wie ein Urwald“ kultiviert und normiert werden sollen. Er diskutiert darüber nicht nur mit der Klasse, sondern zitiert später auch aus dem Buch, um seine eigene Situation zu beschreiben. Der Film ist gefüllt mit solchen klugen und überraschenden Reflexionen und Spiegelungen. Dazu zählen auch schön gewählte Detailaufnahmen aus den Schulräumen, wie etwa von einem Käfig, in dem ein Hamster im Laufrad gezeigt wird. So überrascht der Film immer wieder dadurch, dass er neue Aspekte und Perspektiven in den Film einführt, ohne dabei je den Blick auf seine drei Helden zu verlieren. Eine von ihnen fragt sich, ob sie den Stress dieses Berufs für die nächsten 35 oder auch nur 5 Jahre aushalten wird. Nach diesem Film wüsste das Publikum dies auch gerne. Jakob Schmidt hat hier den sehr fruchtbaren Keim für eine über Jahrzehnte gehende Langzeitbeobachtung gelegt.

ZWISCHEN DEN STÜHLEN ist eine Produktion der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Koproduktion mit ZDF / Das kleine Fernsehspiel.